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Klimawandel und Kaffeeanbau: Was, wenn alles ganz anders ist?

Klimawandel und Kaffeeanbau: Was, wenn alles ganz anders ist?

Du hörst es wahrscheinlich ständig.

In den Nachrichten, auf Konferenzen, in Gesprächen mit deinen Rohkaffee-Händlern: Der Klimawandel bedroht den Kaffeeanbau. Bilder von vertrockneten Kaffeekirschen, Berichte über neue Schädlinge und düstere Prognosen, dass wir bald keinen Arabica mehr haben werden, malen ein bedrohliches Bild.

Aber was, wenn das nur die halbe Wahrheit ist? Was, wenn die wahren Ursachen für die Probleme im Kaffeeanbau viel tiefer liegen und das gängige Narrativ uns vielleicht sogar auf die falsche Fährte lockt? Lass uns gemeinsam zwei provokante Thesen anschauen, die das Bild ordentlich aufmischen.

2004 SCA Kaffee Bewertungsbogen

Ei Vivero – die Kaffeeanzuchtstation für neue Pflanzen. Varietäten werden heute so gezüchtet, dass sie mit den Veränderungen durch den Klimawandel besser klar kommen.

 

#1 Die Theorie vom Preis: Ist nicht das Klima, sondern der Markt das Problem?

Stell dir vor, du müsstest jahrelang deine Rösterei betreiben, ohne genug Geld zu verdienen, um in eine neue Röstmaschine, bessere Software oder auch nur in die Wartung deines Equipments zu investieren. Genau das ist vielen Kaffeebauern jahrzehntelang passiert. Die Kaffeepreise am Weltmarkt waren so niedrig, dass sie kaum überleben, geschweige denn in ihre Plantagen investieren konnten.

Und jetzt kommt der spannende Gedanke: Was, wenn nicht der Klimawandel das Hauptproblem für die Verfügbarkeit von Rohkaffee ist, sondern diese historisch niedrigen Preise? Die hohen Preise der letzten zwei Jahre, so schmerzhaft sie für uns Röster auch waren, könnten für die Produzenten ein Segen gewesen sein. Plötzlich war Geld da. Geld, um zu investieren.

Wir hören es direkt von den Kaffeebauern: Der Mehrverdienst fließt direkt zurück in die Plantagen. In besseren Dünger, in sorgfältigere Pflege der Pflanzen, in mehr Personal für eine selektive Ernte und sogar in neue, widerstandsfähigere Kaffeepflanzen. Die Farmen, die vor wenigen Jahren noch ums Überleben kämpften, blühen plötzlich wieder auf. Die Pflanzen sind kräftiger, gesünder und – Überraschung – widerstandsfähiger gegen die Launen des Wetters.

Der Klimawandel selbst ist nichts Neues. Unser Planet befindet sich seit Millionen von Jahren in einem ständigen Wandel. Die entscheidende Frage ist nicht, ob sich das Klima ändert, sondern wie schnell sich eine Spezies anpassen kann. Und Anpassung kostet Geld. Vielleicht ist die Lösung für die Herausforderungen des Klimawandels also weniger eine Frage der globalen Temperatur, sondern vielmehr eine Frage fairer Preise, die den Bauern die nötigen Mittel für diese Anpassung geben.

SCA 2004 Score Sheet

Mit der Kolonisierung wurden auch fremde neue Pflanzen in die „neue Welt“ gebracht.

#2 Die Theorie des Invasors: Wehrt sich die Natur gegen den Kaffee?

Diese zweite These ist noch eine Spur provokanter. Kaffee ist fast überall auf der Welt ein Invasor. Eine fremde Spezies, die in ein Ökosystem eingeführt wurde, in das sie ursprünglich nicht gehört. Die ursprüngliche Heimat des Arabica-Kaffees liegt in den Hochländern Ostafrikas, insbesondere in Äthiopien. Nur dort ist er wirklich zu Hause.

In allen anderen Anbauländern – in Süd- und Mittelamerika, in Asien – wurde der Kaffee durch den Kolonialismus eingeführt. Er wurde in riesigen Monokulturen angebaut, die die heimische Flora und Fauna verdrängten. Was wir heute als Probleme im Anbau erleben – aggressive Schädlinge wie der Kaffeekirschenkäfer oder Krankheiten wie der Kaffeerost – sind vielleicht gar keine unglücklichen Zufälle. Vielleicht ist es die logische Konsequenz. Die Natur, die sich gegen einen Eindringling wehrt.

Schaut man nach Äthiopien, sieht man ein anderes Bild. Dort wächst Kaffee oft noch in seiner ursprünglichen, wilden Form in Waldgärten. Er ist Teil eines komplexen, ausbalancierten Ökosystems. Krankheiten und Schädlinge gibt es auch hier, aber sie werden oft durch natürliche Fressfeinde und die hohe Biodiversität in Schach gehalten. Das System reguliert sich selbst. In den Monokulturen Lateinamerikas hingegen finden Schädlinge ein wahres Paradies vor – keine natürlichen Feinde, keine Vielfalt, nur endlose Reihen ihrer Lieblingsnahrung.

Ist der Kampf gegen Schädlinge und Krankheiten also vielleicht gar kein Kampf gegen die Folgen des Klimawandels, sondern ein Kampf gegen die Natur selbst, die versucht, ihr Gleichgewicht wiederherzustellen?

Was bedeutet das für dich als Röster?
Diese beiden Theorien sollen das Narrativ vom Klimawandel nicht leugnen. Der Wandel ist real und seine Auswirkungen sind spürbar. Aber sie laden dazu ein, das Problem aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Sie verschieben den Fokus von einer scheinbar unabwendbaren Katastrophe hin zu konkreten, menschengemachten Ursachen – und damit auch zu konkreten Lösungen.

Sie zeigen, dass deine Entscheidung, einen fairen Preis für deinen Rohkaffee zu zahlen, mehr als nur eine ethische Geste ist. Es ist eine direkte Investition in die Zukunft des Kaffeeanbaus und in die Anpassungsfähigkeit der Kaffeepflanze. Und sie erinnern uns daran, dass Kaffee kein beliebiges Massenprodukt ist, sondern eine sensible Pflanze, deren Anbau im Einklang mit der Natur erfolgen muss.

Was denkst du darüber? Sind das nur verrückte Theorien oder steckt da ein Funken Wahrheit drin, der unsere Sicht auf den Kaffeeanbau  verändern könnte?

1 Kommentar

  1. Werner

    Falls ich den Artikel richtig verstehe, geht es darum, den Blick über den Klimawandel hinaus zu weiten. Das finde ich grundsätzlich richtig – dass Kaffeebauern jahrzehntelang zu wenig verdient haben, um in ihre Plantagen zu investieren, ist ein echtes strukturelles Problem. Und ja, Monokulturen sind anfälliger als biodiverse Anbausysteme.

    Was mich irritiert: Warum werden diese Faktoren als „Alternative” zum Klimawandel präsentiert statt als Ergänzung? Die Formulierung „Was, wenn alles ganz anders ist?” suggeriert, wir hätten uns beim Hauptproblem geirrt. Aber die Forschungslage ist eindeutig – auch in Äthiopien, der Heimat des Arabica, sinken Erträge durch veränderte Niederschlagsmuster und steigende Temperaturen. Wenn selbst dort, wo Kaffee kein „Invasor” ist, der Klimawandel massiv zuschlägt, trägt die zweite These nicht weit.

    Auch der Satz „Der Klimawandel selbst ist nichts Neues – unser Planet befindet sich seit Millionen von Jahren in einem ständigen Wandel” liest sich leider wie ein klassisches Klimaleugner-Argument. Natürlich gab es immer Klimaveränderungen. Das Problem ist die Geschwindigkeit – Veränderungen, die normalerweise Jahrtausende brauchen, passieren jetzt in Jahrzehnten. Da kann keine Pflanze mithalten, egal wie viel investiert wird.

    Mein Punkt: Faire Preise, resiliente Anbausysteme und Klimaanpassung gehören zusammen. Ich würde mir wünschen, dass wir diese Faktoren gemeinsam denken statt als konkurrierende Erklärungen – dann wird aus dem Artikel ein noch stärkerer Beitrag zur Diskussion.

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